Musik, Performance, Kunst, Film und Diskurs. Das donaufestival unter der künstlerischen Leitung von Thomas Edlinger präsentiert eine vibrierende Parallelwelt voller abenteuerlicher Ästhetiken. An zwei Wochenenden (jeweils Freitag bis Sonntag) finden etwa 60 Programmbeiträge an unterschiedlichen Orten in Krems statt.

Mad Hope

Hoffnung. Ein großes Wort, religiös und politisch aufgeladen. Oft genug scheitern Hoffnungen. Oder sie werden als Blendwerk missbraucht. Im Zeitalter der multiplen Krisen erscheint ein Beharren auf ein „Prinzip Hoffnung“ (Ernst Bloch) geradezu naiv. Mehr noch: Man müsste, überließe man sich dem apokalyptischen Grundrauschen der Gegenwart, geradezu verrückt sein, inmitten der Kriege, der autoritären Gewalt, der Lügen und Verhetzungen, der ökologischen Notlage und der cyberfaschistischen Zukunftsdrohungen noch an ein besseres Morgen zu glauben.

Und doch ist es vielleicht gerade das Verrückte, das Perspektiven verrücken kann. Anton Kats erzählt in seiner Performance After Hope vom Schicksal des 1974 im (damals zur Sowjetunion gehörenden) ukrainischen Dnipro-Delta gebauten Frachtschiffs Vishwa Asha (Universal Hope). Das Geisterschiff gilt inmitten der heutigen Kriegswirren als verschollen. Anton Kats hinterlässt uns mit einem Rätsel: Wie viele Sandkörner auf dem Grund des Dnipro-Flusses wären nötig, damit die Hoffnung sich dort verankern kann? Hope4Hope heißt eine thematisch an das Leitmotiv andockende Gruppenausstellung der Masterstudierenden der Abteilung Cross-Disciplinary Strategies der Universität für angewandte Kunst Wien beim donaufestival 2026, die Hoffnung als giftiges Schmiermittel herrschender Verhältnisse, aber auch als nötiges Gegengift zur Verzweiflung in den Blick rückt. Wie könnte eine nicht realitätsblinde Hoffnung auf die Hoffnung heute aussehen? Vielleicht wie die erhobene Faust von Yann Marussich, die sich aus einer Badewanne voller Glasscherben in die Höhe reckt und auf einen zerschundenen, aber doch voller Vermögen steckenden Körper verweist.

Mad Hope: Das ist das geballte Vertrauen der Desillusionierten, der Mut zur Spekulation über unerprobte Formen des Miteinanders, ein kleinteiliger Aufstand gegen die Wirklichkeit. Der Kulturwissenschaftler Terry Eagleton nennt dieses Beharren auf die Möglichkeit von Veränderung „Hoffnung ohne Optimismus“. Der Philosoph Gabriel Marcel formuliert es so: „Mag auch sein, dass alles verloren ist, wir sind es nicht.“

Die Künstlerin und Autorin Patricia Reed bringt in einem Vortrag am donaufestival eine planetarische Hoffnung ins Spiel. Even Hell has its Heroes heißt ein Film von Clyde Petersen über die Drone-Doom-Band Earth: Sogar in der Hölle gibt es einen Platz für Held:innen. Die Choreographin Ligia Lewis verbindet in ihrem Video zur Performance deader than dead Slapstick und Shakespeare, stillgelegte Mimik und zombiehafte Remobilisierung. In Kooperation mit der Kunsthalle Krems ist diese filmische Reflexion über den (auch sozialen) Tod ebendort zu sehen.

Von den Beharrungskräften des Widerstands handelt auch HOLD&RESIST_a springrite, eine vom donaufestival initiierte erstmalige Kooperation der Performancegruppe Liquid Loft mit der Metarockband Radian, in Szene gesetzt in der eindrucksvollen Dominikanerkirche. Dabei geht es darum, eine extreme Körperspannung aushalten, eine Pose auszureizen, eine – auch politische – Position zu halten. Das Ungebärdige und Verletzliche der Jugend im Zeichen der Teenage Angst stehen im Zentrum der mit live eingespielten Metal- und Gothic-Sounds angeschärften Akrobatikshow out of hands von fABULEUS & Michiel Vandevelde. Auch Jéssica Teixeira feiert in ihrem so bezaubernden wie verwildertem Stück Monga die Rebellion des Realen gegen den repressiven Wahn der Zeit mit drastischer Komik: „This is a freak show – but my life is not a f***ing freak show – motherf***eeee- eeeeeers!“ Julian Warner fragt in DER SOLDAT. Ein Übergangsritual in Anlehnung an den 1961 verstorbenen Dekolonisierungs-Vordenker Frantz Fanon nach der Legitimität von Gewalt in rassistischen Gesellschaftsordnungen.

Die Electropunk-Ikone Peaches vertritt ihren frenetischen Queerfeminismus mit neuem Album im Gepäck, Oneohtrix Point Never, der Elektronik-Tausendsassa zwischen Weltherrschaft und Underground, lässt das Publikum gemeinsam mit Freeka Tet im Wechselstrom der Gefühle baden. Marie Davidson sorgt für wohliges Zappeln zu nachtschwarzer Maschinenmusik, Blawan, DJ Haram, Barker, NikNak, Kirara oder Operant liefern weitere Ergebnisse aus den bedingt bis unbedingt tanzbaren Fachbereichen Schaben, Schleifen, Wippen und Dröhnen. Slumberland vertraut auf selbstgebaute Instrumente und Geister in den Maschinen. Universal Beings nannte der Jazzdrummer Makaya McCraven ein früheres legendäres Album; ein Titel, der den Wunsch nach Gemeinschaftlichkeit ausdrückt. Bei uns tritt er im Trio auf. Musik als kollektives Glücksereignis zelebrieren auch das Folkpunk-Quartett The New Eves, das neue österreichische Impro-Elektronikkollektiv Exit Void (unter anderem mit Anja Plaschg alias Soap&Skin), die Freecore-Artistinnen von Selvhenter, die mit levantinischen Einflüssen ope-rierenden Kraut-/Psychrockband SANAM, die energischen Jazz-Postpunk-Teilchenbeschleuniger Maruja, die den Schmerz ansteuernden Industrial-Erbverwalter Pain Magazine oder die zu aufgekratzter Euphorie neigende Combo caroline. Ak'chamel beschwören das Fernweh nach Desert Folk, Joe Rainey verbindet indigene Pow-Wow-Gesänge mit technoiden Klängen. Die Gitarristin Nina Garcia interessiert sich für knochentrockene Melodien. FRANKIE & Kelman Duran konfrontieren zerklüftete Beats mit dringlichen Gesangsteilen. Ex-Easter Island Head betreiben mit Hilfe von präparierten Gitarren flirrende, pulsierende Klangforschung.

Abdullah Miniawy, claire rousay, Olga Anna Markowska, feeo, das minimalistische Dream-Folkpopduo pmxper oder die bedächtig vorgehende Band Quade suchen nach möglicherweise Schutz versprechenden Räumen für Zwischentöne und nach Zonen der Entrücktheit. Der britische, vom urbanen Blues gezeichnete Rapper Rainy Miller operiert mit Northern Gothic-Anleihen, während Dälek grimmige, noiseinfiltrierte HipHop-Tracks als Grundlage ihrer mitreißenden Live-Shows verwenden. Alan Sparhawk hingegen findet nach dem Tod von Mimi Parker, seiner Frau und Bandmitstreiterin bei Low, Notausgänge aus der Trauer in himmelaufreißenden Songs.

Der Titel des neuen, spirituell unterfütterten Postrap-Albums von Chino Amobi schließlich lautet Eroica II: Christian Nihilism. Amobi erkennt in diesem Bekenntnis die Aufforderung, „das Chaos anzunehmen“. Dieses Bekenntnis verbindet ihn vielleicht mit John Maus, der sich nach einer existenziellen Krise auf der Bühne am Schlusstags des donaufestivals am 10. Mai wieder in einen „hysterischen Körper“ verwandeln und mit seinen Synthiepop-Liturgien allen Ver-wundeten Trost spenden will: „Reconstruct Your Life!“

Der Extremperformer Yann Marussich würde vielleicht im Sinne einer oder besser seiner mad hope ergänzen: „Der Tod wäre das nächste Extrem… jetzt muss ich fliegen.“

Thomas Edlinger (Künstlerischer Leiter donaufestival)

Day Pass 1
With Ak’chamel, Abdullah Miniawy, Exit Void, Selvhenter, fABULEUS & M. Vandevelde, Makaya McCraven, Ex-Easter Island Head, Marie Davidson (live) and many more

Day Pass 2
With claire rousay, Joe Rainey, SANAM, Quade, Peaches, Julian Warner, Ligia Lewis, Pain Magazine, DJ Haram and many more

Day Pass 3
With FRANKIE & Kelman Duran, pmxper, Alan Sparhawk, Yann Marussich, fABULEUS & M. Vandevelde and many more

Day Pass 4
With Nina Garcia, feeo, The New Eves, caroline, Blawan (live), Maruja, Operant, Anton Kats / ILYICH, Jéssica Teixeira and many more

Day Pass 5
With Chino Amobi, Rainy Miller, Dälek, Barker, Oneohtrix Point Never with Freeka Tet, NikNak, Kirara, Liquid Loft & Radian and many more

Day Pass 6
With Slumberland, Olga Anna Markowska, John Maus, Jéssica Teixeira, Anton Kats / ILYICH and many more

Eventdaten bereitgestellt von: oeticket

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